BLACK BOX ECUADOR
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Ort Schlossplatz Berlin
Termin September bis Oktober 2010
BLACK BOX ECUADOR war eine Installation auf dem Berliner Schlossplatz, die auf sinnlich-künstlerische und gleichzeitig historisch fundierte Weise über Ecuador erzählte. Sklaverei und Kolonialismus sowie deren Auswirkungen auf die Gegenwart waren zentrale Themen der vier installierten und teils begehbaren Boxen.
Kooperationspartner Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum, Botschaft der Republik Ecuador, Ibero-Amerikanisches Institut, Centro Cultural Afroecuatoriano (Quito)
Kuratoren Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey
Projektassistenz Bettina Knop
Künstler Edizon Léon Castro, Fotograf, Ecuador; Jorge Vinueza García, Fotograf, Ecuador; Rodolfo Muñoz, Filmemacher, Ecuador; Jorge Luis Narváez, Filmemacher, Ecuador
Wissenschaftliche Mitarbeit Rocío Vera Santos, Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin; Dr. Peter Masson, Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin
Ausstellungsarchitektur Oliver Fuchs, axt&späne
Gestaltungskonzept Birgit Krah
Grafische Gestaltung Anna Härlin
Audioproduktion helix audiodesign
Plott Bild und Schrift To Do – Agentur für Gestaltung
Pressearbeit Anna Jacobi
Transkription und Übersetzung Aline-Sophia Hirseland, Marcela Knapp, Sandra H. Lustig, Paul Sarazin
Assistenz Filmsichtung Rery Azules
Schnitt und Untertitelung Filme/Film editing and subtitling Bettina Knop
Betreuung vor Ort Bettina Knop, Frauke Laufer, Dana Müller, Katja Sommerfeld
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Pressemitteilung
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Anlässlich des 200. Jahrestags der Unabhängigkeit Lateinamerikas war
America Latina im Jahr 2010 Schwerpunktthema der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Im Rahmen des Schwerpunktes rief die bpb einen Ideenwettbewerb aus, bei dem
BLACK BOX ECUADOR als eines der zehn besten Projekte ausgezeichnet wurde.
Das Chota-Tal
Ausgangspunkt der urbanen Installation
BLACK BOX ECUADOR war das Chota-Tal in Ecuador. Anhand dieser besonderen Region wurden Themen wie Sklaverei und Kolonialismus sowie deren Konsequenzen für die (europäische) Gegenwart untersucht. Dabei kamen natürlich auch kulturelle und sportliche Kuriositäten nicht zu kurz.
Nach der Provinz Esmeraldas ist das Chota-Tal Hauptsiedlungsort der Afro-Ecuadorianer und eine der ärmsten Gegenden Ecuadors. Internationale Bekanntheit erlangte das Chota-Tal für kurze Zeit, da vier Spieler der Fußballnationalmannschaft Ecuadors bei der Weltmeisterschaft 2006 (de la Cruz, Delgado, Méndez und Espinoza) aus dem Chota-Tal stammen.
Die Bevölkerung der Region, Afro-Ecuadorianer, und ihre Geschichte sind eng mit der Geschichte der kolonialen Haciendas der Region und der auf ihnen praktizierten Sklaverei verbunden. Die Schwarzafrikaner wurden seit dem 17. Jahrhundert dorthin gebracht, um als Sklaven für die Jesuiten und Mercedarier auf Haciendas (v.a. Zuckerrohrplantagen) und in Minen bzw. Salinen zu arbeiten. Durch die Agrarreformen der 1960er Jahre wurden Haciendas enteignet und die Arbeiter und ihre Familien, die sich in „Comunidades“ (einer Art Genossenschaft) zusammenschlossen, erhielten zwei bis drei Hektar Land.
Die Region gilt als eine der ärmsten des Landes, aus der es für die junge Generation in der Regel lediglich zwei Auswege gibt: der traditionelle afro-ecuadorianische Tanz La Bomba oder Fußball.
Die Installation auf dem Schlossplatz in Berlin
Auf dem Schlossplatz waren vier begehbare Boxen installiert, die mit Monitoren, Fotostrecken und Audioinstallationen bespielt wurden.
Der Titel „Black Box“ weckt generell zahlreiche Assoziationen. In der Systemtheorie wird der Begriff benutzt um darauf hinzuweisen, dass das Innere für die Reflexion erstmal nicht von Bedeutung ist. In manchen Fällen impliziert die Verwendung von „Black Box“ jedoch auch, dass das Innere (sowieso) nicht bekannt ist. Ausgehend davon stellten wir uns für
BLACK BOX ECUADOR folgende Fragen: Wie geht Europa heute mit seiner Kolonialvergangenheit um? Welche Folgen hatte diese - und interessieren wir uns überhaupt dafür? Ist Europa für diese Folgen verantwortlich, die bis heute das Leben in den ehemaligen Kolonien prägen?
An der Schnittstelle zur Kunst wird Geschichte durch Geschichten erzählt – in diesem Fall durch die Geschichte des Chota-Tals.
Der Berliner Schlossplatz wurde mit einem Querverweis auf das Humboldt-Forum bewusst gewählt: Im Sinne eines Zentrums für „Weltwissen“, das an dieser Stelle entstehen soll und welches sich am weltumspannenden Wissensideal Alexander von Humboldts (den eine seiner wichtigsten Forschungsreisen nach Ecuador führte) orientiert, hätte es keinen passenderen Ort in Berlin für dieses Projekt gegeben. Dies umso mehr, als die Beschäftigung mit dem Chota-Tal notwendigerweise eine Auseinandersetzung mit kolonialer Vergangenheit, europäischem Herrschaftsdiskurs und eurozentristischer Weltdeutung beinhaltet – eine Auseinandersetzung, die auch für das Humboldt-Forum mit seinem Fokus auf die „außereuropäischen Kulturen“ relevant ist.
BLACK BOX 1: ÜBERBLICK
Die Jesuiten bewirtschafteten das Chota-Tal in Ecuador seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Nach dem katastrophalen Verschleiß indigener Arbeiter wurden die Haciendas mithilfe von Sklaven betrieben, die aus dem Kongo, Angola und Senegambia stammten. Als Senegambia bezeichnete man das heutige Gebiet der Staaten Senegal und Gambia.
Die
BLACK BOX 1 steht auf dem Kopf, sie ist nicht begehbar, sie macht Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Afro-Ecuador. Sichtschlitze lassen Landkarten erkennen, die den Weg der verschleppten Sklaven von Afrika nach Ecuador aufzeigen. Ausschnitte eines Essays von Alexander von Humboldt sind zu hören.
BLACK BOX 2: REBELLION UND KAMPF
Der Kampf um Leben und Freiheit: Vom 16. bis 19. Jahrhundert suchten Ecuadorianer afrikanischer Herkunft auf verschiede Weise Freiheit zu erlangen – sie rebellierten auf den Haciendas der Jesuiten oder flohen, sie etablierten autonome Gebiete oder traten den Truppen der Unabhängigkeitskämpfer bei.
Der Kampf gegen ihren Ausschluss als ecuadorianische Staatsbürger: In den gut hundert Jahren zwischen der Abschaffung der Sklaverei 1851 bis zur Agrarreform 1964, die die letzte institutionalisierte Form kolonialer Ausbeutung beendete, nahmen Afro-Ecuadorianer aktiv an der Entstehung der Nation teil: Sie unterstützten die Liberalen und kämpften so gegen den nach wie vor in der ecuadorianischen Gesellschaft tief verankerten Rassismus.
Der zeitgenössische Kampf gegen Rassismus und für kulturelle Rechte: Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in Ecuador geprägt von Bewegungen gegen die Diskriminierung von Afro-Ecuadorianern. Ecuadors Verfassung von 2008 definiert den Staat als interkulturell und legt Kollektivrechte fest, um Identität, Kultur und Tradition der unterschiedlichen Ethnien zu stärken – erstmals auch die der Afro-Ecuadorianer.
Die begehbare
BLACK BOX 2 nimmt den Faden der Geschichte auf und schlägt den Bogen von der Kolonialzeit und Sklaverei hin zu heutigen politischen Bewegungen der Afro-Ecuadorianer.
BLACK BOX 3: KULTUR UND TRADITION
Die
BLACK BOX 3 beschäftigt sich mit der afro-ecuadorinaischen Kultur: Der Musik, den Tänzen, religiösen Ritualen und Traditionen sowie der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene.
Musik, Gesang und Tanz gaben afrikanischen Sklaven den Raum, sich in der „Neuen Welt“ neu zu definieren und auch, den Leiden an der Zwangsarbeit zumindest für kurze Zeit etwas entgegenzusetzen.
Musik, Tanz, Feste, rituelle und religiöse Zeremonien sowie die Décimas (eine poetische Form der Oral History) sind nicht nur afro-ecuadorianische Tradition und Besinnung auf die afrikanischen Wurzeln – sie sind politisches Statement und stolzer Ausdruck afro-ecuadorianischer Identität.
Inzwischen entwickelte sich eine lebhafte zeitgenössische Kunstszene – vor allem in urbanen Regionen haben heute afro-ecuadorianische Literatur, Fotografie, Bildende Kunst, Hip-Hop, und Breakdance entscheidenden Einfluss auf die Kulturlandschaft gewonnen – nicht nur Afro-Ecuadors.
BLACK BOX 4: FUSSBALL - HELDEN
Die
BLACK BOX 4, auf der Kante balancierend, widmet sich den afro-ecuadorianischen Fußballgöttern, denn Afro-Ecuadorianer, mit nur 10% Bevölkerungsanteil, stellen die meisten Spieler der Nationalmannschaft des Landes!
Während der Fußball-WM 2006 erlangte das Chota-Tal – das nach der Hauptstadt Esmeraldas Hauptsiedlungsort der Afro-Ecuadorianer und eine der ärmsten Gegenden Ecuadors ist – internationale Bekanntheit: Von hier stammten vier Spieler der Mannschaft: de la Cruz, Delgado, Méndez und Espinoza. Schlüssig erklären kann sich das niemand, denn dort gibt es keine professionelle Fußballakademie. Fußballstars aus der Region treten jedoch sehr engagiert für die Jugend ein. So gründete Augustín „Tin“ Degaldo im Chota-Tal eine Fußballschule, die Kindern als soziale Einrichtung Bildung und eine Alternative zum Leben auf der Straße bietet.
Mit der WM 2006 gelangte erstmals ein positives Bild von Afro-Ecuadorianern in die Öffentlichkeit, die erstmals als Teil der Nation gesehen und gefeiert wurden. Dass aber afro-ecuadorianische Fussballer auch schnell zu gefallenen Helden werden, zeigte sich, als Delgado nach einer Schlägerei gesperrt wurde. Schlagartig änderte sich die allgemeine positive Meinung gegenüber Afro-Ecuadorianern; rassistische Vorurteile wurden wiederbelebt und nahezu salonfähig.
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